Inititative Stolpersteine Burgsteinfurt

Die Geschwister Sally, Bertha und Ida Michel

Die Familie Michel geriet schon früh in den Fokus der örtlichen NS-Funktionäre, weil Sie vermutlich als kinderreiche jüdische Familie (das Ehepaar Michel Michel und Elise Michel hatten 16 Kinder) den Hass auf sich zogen. Als erste traf es Hermann Michel (siehe Friedhof 14), der sein Geschäft schon 1933 schloss. Im Jahre 1934 ging man gegen den Invaliden Bernhard Michel vor, der seine beiden Beine auf dem Weg aus dem Krieg im Jahre 1918 verloren hatte. In einem Zeitungsartikel wurde offen zur Gewalttätigkeiten gegen ihn aufgerufen, weshalb er nach Münster zog. Als Nächstes traf es Julius Michel, der 1936 wegen drei „Straftaten“ inhaftiert wurde und sich dort im September 1936 erhing. Sein 94-jähriger Vater traf der Suizid dermaßen, dass er zwei Wochen später einem Herzinfarkt erlag.
Im Haus lebten nun nur noch die Geschwister Sally, Bertha und Ida Michel. Sally war der Besitzer des Hauses und hatte nebenbei noch einen Rohproduktehandel, der aber immer weniger einbrachte. Bertha hatte sich bereits seit dem Tod ihrer Mutter im Jahre 1922 die Führung des Haushalts übernommen. Ida war einige Jahre in Münster als Verkäuferin tätig, kehrte aber nach ihrer Entlassung Mitte 1933 in ihr Elternhaus zurück. 1938 schwebte ein Verfahren wegen Hehlerei gegen Sally Michel, weil er gestohlenes Garn aufgekauft hatte. Ob der Vorwurf zutraf oder ob er in eine Falle gelockt wurde, ist uns nicht bekannt. Er wurde zu drei Monaten Haft verurteilt. Die Berufung, die er einlegte, blieb erfolglos und wurde im Oktober 1938 zurückgewiesen. Einen Monat später ereignete sich die Pogromnacht, bei der uns aber keine Dokumente vorliegen, dass das Haus der Familie Michel ebenfalls angegriffen wurde. Sally wurde allerdings am 10. November 1938, also nur wenige Stunden später als einer von sieben Juden inhaftiert und bis zum 12. November 1938 festgehalten. Möglicherweise wurde er nach seiner Freilassung sofort erneut verhaftet und musste seine dreimonatige Haftstrafe absitzen. Während Bertha und Ida erfolgreich einen für die Auswanderung erforderlichen Spanischkurs in Münster besuchten, schaffte Sally den Sprachkurs nicht. Somit besaßen im Juli 1939 zwar alle drei ein Visum für die Einreise nach Chile, aber nur Bertha und Ida hatten gültige Auswanderpässe. Sally sollte es nicht mehr schaffen und sollte den letzten Tag, an dem die chilenische Botschaft Visa zeichnete, den 10. Dezember 1939, verpassen. Seine Schwestern, die durchaus die Möglichkeit hatten auszuwandern, wollten ihren Bruder nicht allein zurücklassen. Eine verständliche, aber folgenschwere Entscheidung. Am 10. Dezember 1941 holte man ihn und seine beiden Schwestern ab und brachte sie über Münster in das Ghetto Riga. Dort wurde Sally Michel bereits am 18. Mai 1942 vom Lagerkomandanten vor den Augen seiner Angehörigen erschossen. Sein „Vergehen“: er hatte ein Butterbrot in das Ghetto schmuggeln wollen. Die Spur von Bertha und Ida verlieren sich. Sie wurden entweder bis 1943 im Ghetto oder ab 1943 im Konzentrationslager Riga ermordet. Möglich wäre auch, dass sie sich Ende 1942 bei den 2000 Frauen befanden, die in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurden. Für eine Überstellung in das Konzentrationslager Stutthof im Herbst 1944 fehlen dagegen jegliche Anzeichen. 

Zählt man den Suizid Julius Michels dazu, wurden zehn der damals dreizehn lebenden Geschwister von den Nationalsozialisten ermordet. 

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Fotos der Geschwister Michel

Bilderquellen: Mirjam Samson, Liesel Binzer, StA Steinfurt Judensachen, private Quellen.

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Bilder von der Verlegung am
 3. Juni 2008